Jugenddelinquenz als soziales Problem und Forschungsthema

Das Thema Jugendkriminalität und -gewalt beschäftigt die Gesellschaft seit jeher und sorgt immer wieder für öffentliche Besorgnis. Jugendliche testen und überschreiten Grenzen und entwickeln in verschiedenen Bereichen Verhaltensformen, die von der Gesellschaft als problematisch wahrgenommen werden. Dazu zählt strafrechtlich sanktionierbares Verhalten ebenso wie riskantes und gesundheitsgefährdendes Verhalten, schulischer Misserfolg und Schulverweigerung. Insofern dadurch andere geschädigt oder ihre eigenen Zukunftschancen aufs Spiel gesetzt werden, gilt abweichendes Verhalten im Jugendalter zu Recht als soziales Problem. Da die Jugend die Zukunft einer Gesellschaft symbolisiert und die Älteren die „Jugend von heute“ stets für schlimmer halten als ihre eigene Generation, werden diese Problemwahrnehmungen jedoch häufig verstärkt und mit diffusen gesellschaftlichen Ängsten vermischt. Das erklärt, warum sensationsheischende Berichte über Jugendkriminalität periodisch in den Medien wiederkehren und warum das Thema in Wahlkämpfen instrumentalisiert werden kann.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Jugenddelinquenz verfolgt demgegenüber das Ziel, realistische Erkenntnisse über Ausmaß, Ursachen und Folgen von jugendlichem Problemverhalten zu gewinnen und damit Grundlagen für eine rationale und effektive Gestaltung von Präventionen und Interventionen zu legen, wo diese notwendig sind. In der kriminologischen Abteilung des Max-Planck-Instituts gehört Jugenddelinquenz seit langem zu den Kernthemen. Bereits in den 1970er Jahren führte das Max-Planck-Institut eine der ersten Dunkelfeldstudien zur selbstberichteten Delinquenz von Jugendlichen in Deutschland durch. Seither sind Studien zur Jugenddelinquenz und den gesellschaftlichen Reaktionen ein fester Bestandteil des Forschungsprogramms. Dabei steht eine empirisch und interdisziplinär ausgerichtete Grundlagenforschung im Mittelpunkt, die auch einen Beitrag zu theoretischen und methodischen Entwicklungen in diesem Feld leisten kann.

Aktuell beschäftigen sich Forschungsprojekte des Max-Planck-Instituts mit der Bedeutung sozialer und sozialräumlicher Kontexte für die Entstehung und Verstärkung von Jugenddelinquenz, mit polizeilichen und justiziellen Registrierungen im Lebenslauf verschiedener Geburtskohorten, mit dem wechselseitigen Verhältnis von Polizei und Jugendlichen in multi-ethnischen Gesellschaften sowie mit Sexualdelikten von Jugendlichen und den Möglichkeiten therapeutischer Interventionen.

Interview mit Dietrich Oberwittler • Badische Zeitung vom 26.01.2011:
"Jugendgewalt wächst sich in aller Regel aus"


Einführende Literatur

Albrecht, H.-J. (1998): Jugend und Gewalt. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 81(6): 381-399.

Albrecht, H.-J. (2004): Youth Justice in Germany. S. 443-493 in: M. Tonry, A. N. Doob (Hg.), Youth Crime and Youth Justice. Comparative and Cross-National Perspectives Chicago: Chicago University Press.

Köllisch, T. und D. Oberwittler (2004): Sozialer Wandel des Risikomanagements bei Kindern und Jugendlichen. Eine Replikationsstudie zur langfristigen Zunahme des Anzeigeverhaltens. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 24(1): 49-72.

Oberwittler, D. (2000): Von Strafe zu Erziehung? Jugendkriminalpolitik in England und Deutschland, 1850 - 1920. Frankfurt am Main: Campus.

Oberwittler, D. (2010): Werden Mädchen immer gewalttätiger? Aktuelle Befunde und Erklärungsansätze zu Mädchengewalt. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 93(4): 255-257.

Sutterer, P. und T. Karger (1994): Self-reported delinquency in Mannheim, Germany. S. 156-185 in: J. Junger-Tas, G.-Jan Terlouw (Hg.), Delinquent Behavior Among Young People in the Western World. First Results of the International Self-Report Delinquency Study Amsterdam; New York: Kugler Publications.

Villmow, B. und E. Stephan (1983): Jugendkriminalität in einer Gemeinde: Eine Analyse erfragter Delinquenz und Viktimisierung sowie amtlicher Registrierung. Freiburg: Max-Planck-Institut.

  • Geändert am: 01.12.2015
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