Die MPI-Schulbefragung 1999/2000

Die Schulbefragung, die das Max-Planck-Institut 1999 in Köln und Freiburg sowie ein Jahr später im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald durchgeführt hat, bildete den empirischen Kern des Forschungsprojekts „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext“. Insgesamt nahmen 80 Schulen mit ca. 6.500 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 10 an der „MPI-Schulbefragung 1999/2000“ teil. Die Ausschöpfungsrate auf der Ebene der Schulen lag bei ca. 80 %, auf der Ebene der Schüler/-innen bei 85 %. Dieses Projekt wurde von 2000 bis 2003 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.

Das zentrale Ziel des Projekts „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext“ war die empirische Analyse der urbanen Jugenddelinquenz und ihrer sozialen Einflussfaktoren am Beispiel zweier Großstädte und - als Kontrastfolie - einer benachbarten ländlichen Region. Der besondere theoretische und methodische Zugang der Studie lag in der Einbeziehung des Raumes als einer zusätzlichen Einflussebene in die Erklärung von delinquentem Verhalten und in der Verknüpfung verschiedener Datenquellen auf individueller und kollektiver Ebene im Rahmen von Mehrebenenmodellen. Die Fragestellung des Projekts schließt an die bis heute aktuelle Diskussion über eine Gefährdung des städtischen Zusammenlebens durch die Zunahme von sozialen Polarisierungen im städtischen Raum an.

Abb. 1: Das Studiendesign des Projekts „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext“ in Köln und Freiburg

Die MPI-Schulbefragung 1999/2000 war die erste Studie in Europa, die mithilfe statistischer Mehrebenenanalysen empirische Belege dafür gefunden hat, dass sich die räumliche Konzentration von sozialen Benachteiligungen in Wohnquartieren verschärfend auf delinquentes Verhalten von Jugendlichen auswirken kann. Die Ergebnisse dieser Studie haben inzwischen Eingang in internationale Handbücher und Lehrbücher zum Thema Jugendkriminalität gefunden. Weitere Informationen zu sozialräumlichen Kontexteffekten auf Jugenddelinquenz finden Sie hier.

Ein zweiter inhaltlicher Schwerpunkt des Projekts waren der Übergang vom Dunkel- ins Hellfeld der Jugendkriminalität und die Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, dass delinquentes Verhalten Jugendlicher von der Polizei registriert wird. Ein wichtiger Ausgangspunkt für diese Analysen war die Frage nach einem sozial oder ethnisch diskriminierenden Anzeige- und Registrierungsverhalten durch Opfer und Polizei. Auch für die Beurteilung der zeitlichen Entwicklung von Jugendgewalt in der Polizeilichen Kriminalstatistik ist es wichtig, die sozialen Mechanismen zu verstehen, die zu einer Registrierung von delinquenten Handlungen Jugendlicher führen oder diese vermeiden. Weitere Informationen zu den Ergebnissen der Analyse des Anzeige- und Registrierungsverhaltens finden Sie hier.

Ein weiterer Schwerpunkt widmete sich der vergleichenden Untersuchung der Delinquenz von Jugendlichen unterschiedlicher ethnischer Herkunft. „Ausländerkriminalität“ ist ein Dauerbrenner in der öffentlichen Diskussion. Ziel des Projekts war es einerseits, die Verallgemeinerung theoretischer Ansätze zur Erklärung abweichenden Verhaltens über ethnische Gruppen hinweg zu prüfen, und daran anschließend andererseits spezifische Faktoren für einzelne ethnische Gruppen zu identifizieren, die mit delinquentem Verhalten der Jugendlichen in Beziehung stehen. Darauf aufbauend konnten spezifische Zusammenhangsmuster zwischen Lebensbedingungen und Delinquenz innerhalb ethnischer Gruppen identifiziert werden. Die ethnischen Gruppen umfassen deutsche, osteuropäische, türkische und Jugendliche aus Jugoslawien, Albanien und Kosovo. Weitere Informationen zur Jugenddelinquenz im interethnischen Vergleich finden Sie hier.

Das Projekt hat auch zur Weiterentwicklung der Befragungs- und Auswertungsmethoden bei Forschungen zu Jugenddelinquenz beigetragen. Durch ein Befragungsexperiment konnten die Vorteile von Schulbefragungen gegenüber haushaltsbasierten Befragungen erstmals systematisch bestätigt werden. Weitere Aspekte betrafen die Messung und Modellierung des kollektiven Sozialkapitals von Wohnquartieren sowie den Einsatz der statistischen Mehrebenenanalyse zur Untersuchung von Kontexteffekten. Weitere Informationen zu den methodischen Aspekten der Studie finden Sie hier.

Die Daten der MPI-Schulbefragung 1999/2000 wurden in Kooperation des Max-Planck-Instituts auch von einer Arbeitsgruppe am Forschungsinstitut für Soziologie der Universität Köln unter der Leitung von Prof. Michael Wagner für Analysen zum Schulabsentismus genutzt. Ausführliche Informationen zu der Studie und den Veröffentlichungen finden Sie hier.

Die Hauptphase des Projekts wurde 2003 mit dem Ende der Förderung durch die DFG abgeschlossen. Im Anschluss daran wurden vertiefende Analysen mit den erhobenen Daten durchgeführt und international vergleichende Kooperationsprojekte begonnen, in erster Linie im Rahmen eines Marie-Curie-Fellowships des Projektleiters Dietrich Oberwittler an der Universität Cambridge im Projekt PADS++. Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie hier.

Ergebnisberichte der MPI-Schulbefragung 1999/2000

Oberwittler, D., Blank, T., Köllisch, T. & Naplava, T. (2001): Soziale Lebenslagen und Delinquenz von Jugendlichen. Ergebnisse der MPI-Schulbefragung 1999 in Köln und Freiburg (Arbeitsberichte aus dem Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht / 1). Freiburg i. Br.: edition iuscrim.

Oberwittler, D., Köllisch, T., Naplava, T. & Blank, T. (2002): MPI-Schulbefragung Breisgau / Markgräfler Land 2000 - Ergebnisbericht (Arbeitsberichte aus dem Projekt "Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext" / 8).

  • Geändert am: 01.12.2015
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