Methodische Aspekte von Jugendbefragungen

Die methodisch sorgfältige Durchführung von Datenerhebung und -analyse ist eine entscheidende Voraussetzung für aussagekräftige Ergebnisse. Die MPI-Schulbefragung 1999/2000 war von dem Bemühen geprägt, diese Voraussetzungen zu erfüllen und die methodischen Standards bei Schulbefragungen möglichst noch zu verbessern.

Jedes empirische Forschungsprojekt zum Thema abweichendes Verhalten steht vor besonderen Herausforderungen in Hinblick auf die Datenqualität, da polizeiliche Kriminalitätsdaten das Dunkelfeld der Kriminalität nicht erfassen können und Selbstberichte von Befragten offen für Verzerrungen zum Beispiel durch selektive Nicht-Teilnahme und Effekte der sozialen Erwünschtheit sind. In den letzten ca. 15 Jahren wurden in Deutschland zum Thema Jugendkriminalität mehr und mehr schriftliche Schulbefragungen anstelle von mündlichen (face-to-face) Befragungen durchgeführt, wobei wenig über die methodischen Aspekte dieser Befragungsform bekannt war. Daher bestand ein Ziel des Projekts darin, die Effekte des Erhebungsverfahrens auf die Häufigkeit und Zusammenhangsmuster von selbstberichteter Delinquenz durch einen Vergleich mit einer „klassischen“ face-to-face Befragung im Haushalt der Jugendlichen zu untersuchen. Dazu diente auch eine externe Validierung der selbstberichteten Polizeikontakte in der face-to-face Befragung mit den offiziellen polizeilichen Registrierungen, die aus Datenschutzgründen nicht mit den Befragten der Schulbefragung durchgeführt werden konnte. Die für die Befragung neu konzipierte Skala „Selbstberichtete Delinquenz“ wurde für das Online-Handbuch ZIS („Zusammenstellung sozialwissenschaftlicher Items und Skalen“) der GESIS dokumentiert.

Befragungsexperiment – schriftliche Schulbefragung und mündliche Befragung im Haushalt im Vergleich

Das auffälligste Ergebnis des Vergleichs der Erhebungsverfahren (bei gleichem Erhebungsinstrument und gleicher Grundgesamtheit) ist, dass Schulbefragungen höhere Prävalenzraten der selbstberichteten Delinquenz produzieren als mündliche Befragungen; dies gilt vor allem für Schüler unterhalb des Gymnasialniveaus. Obwohl dafür sowohl Selektionseffekte des Stichprobenverfahrens als auch Antworteffekte der Interviewtechnik verantwortlich sein können und wegen des Untersuchungsdesigns keine eindeutige Trennung zwischen beiden Effekten möglich ist, haben wir Indizien gefunden, dass die Selektionseffekte bedeutsamer sind. Bei Schulbefragungen werden deutlich mehr Jugendliche mit niedrigem Bildungs- und Sozialstatus erreicht als bei Haushaltsbefragungen. Dies macht sich besonders in sozial benachteiligten Stadtvierteln bemerkbar, wo der Zugang zu den Befragten über die Schulen wesentlich Erfolg versprechender ist als über die Haushalte. Insgesamt haben wir keine Anzeichen von ‚“over-reporting“ bei Schulbefragungen gefunden, die daher als empfehlenswerte Erhebungsmethode in der Altersgruppe der bis 16jährigen Jugendlichen erscheint.

In sozialräumlicher Perspektive ist wichtig, dass die Stadtviertel-bezogenen Raten der offiziellen und selbstberichteten Polizeikontakte sehr nah beieinander liegen und fast denselben Steigerungskoeffizienten für den Zusammenhang mit sozialer Benachteiligung aufweisen – auch differenziell für einzelne Deliktgruppen. Dies ist ein wichtiger Hinweis auf die Validität der Selbstberichtdaten in Schulbefragungen.

Außerdem fanden wir einige z.T. widersprüchliche differenzielle Unterschiede zwischen den Befragungsarten. So ist zum Beispiel der Unterschied der Prävalenzraten bei schweren Delikten nach Befragungsart bei nicht-deutschen Befragten geringer als bei deutschen. Gymnasiasten und nicht-deutsche Befragte berichten in der mündlichen Befragung sowohl mehr Polizeikontakte als auch Gewaltviktimisierungen als Schüler niedrigerer Bildungsniveaus bzw. als deutsche Befragte.

Besonders bedeutsam ist, dass korrelative Zusammenhänge der Delinquenz mit einer Reihe von unabhängigen Variablen wenig robust sind, sondern von der Befragungsmethode beeinflusst werden. Dabei deutete sich ein Muster an, nach dem Zusammenhänge von Delinquenz mit schul- und peerbezogenen Variablen in der Schulbefragung, und Zusammenhänge mit familienbezogenen Variablen in der haushaltsbasierten mündlichen Befragung stärker in Erscheinung treten. Wir vermuten daher, dass es einen Effekt des Erhebungskontextes auf die unbewusste “Salienz“ von Einflussfeldern auf das eigene Verhalten gibt. Im Befragungskontext der Schulklasse würden die Befragten den schulischen Faktoren und den Gleichaltrigen eine besondere Bedeutung beimessen, im Befragungskontext der elterlichen Wohnung der Familie und der Beziehung zu den Eltern.

Externe Validierung der selbstberichteten Polizeikontakte

Die externe Validierung der Befragtenangaben zu den Polizeikontakten konnte auf der Individualdatenebene für 285 von 498 befragten Jungen durchgeführt werden, die und deren Eltern dem Datenabgleich zugestimmt haben. Unsere Schätzungen ergeben, dass diese zum Abgleich bereiten Jungen weniger echte Polizeikontakte haben als die den Abgleich verweigernden Jugendlichen, die also delinquenter sind, jedoch ihre eigene Delinquenz und Polizeikontakte noch stärker verschweigen. Innerhalb der Gruppe der kooperativen Befragten werden je nach Deliktstyp zwischen 47% (einfacher Diebstahl) und 83% (schwerer Diebstahl) der Polizeiregistrierungen zugegeben (“richtig positiv“); auf der anderen Seite wurden viele Polizeikontakte berichtet, die im Polizeiregister nicht nachvollziehbar sind („falsch positiv“). Wir vermuten, dass es sich dabei vielfach um real stattgefundene informelle Polizeikontakte handelt. Insgesamt kann man annehmen, dass unter Berücksichtigung dieses nur scheinbaren „over reporting“ der Umfang der Polizeiauffälligkeit in der mündlichen Befragung deutlich unterschätzt wird, da viele Jugendliche (mit niedrigem Bildungsniveau) ihre Polizeikontakte verschweigen bzw. die Teilnahme an der Befragung verweigern.

Tab. 1

Tab. 1: Anteil der Befragten mit falsch negativen, ehrlichen und falsch positiven Angaben zu Polizeikontakten (in Prozent). Jugendliche mit höherem Bildungsstatus, aus vollständigen Familien und ohne Migrationshintergrund berichten am ehrlichsten über ihre Polizeikontakte. ‚Falsch positive‘ Berichte gehen vermutlich zum Teil auf informelle Polizeikontakte zurück, die nicht zu einer offiziellen Registrierung geführt haben.

Die Ergebnisse zur differentiellen Validität stimmen in etwa mit den Ergebnissen älterer internationaler Validierungsstudien überein. Jugendliche mit höherem Bildungsniveau und deutscher Herkunft antworten ehrlicher als Jugendliche mit niedrigerem Bildungsniveau und nicht-deutscher Herkunft; andererseits antworten Jungen mit starken delinquenten Neigungen ehrlicher als die übrigen, vermutlich weil Delinquenz und Polizeiauffälligkeit bereits zu ihrem Selbstbild gehören.

Insgesamt deuten diese Ergebnisse auf eine eingeschränkte Robustheit von Befragungsergebnissen Jugendlicher hin, die von der Befragungsmethode abhängig sind. Keine Befragungsmethode ist frei von Problemen, jedoch sind Schulbefragungen vor allem wegen der hohen Ausschöpfungsquoten und der größeren Vertraulichkeit vorzuziehen. Das spezifische Problem von Schulbefragungen scheint darin zu liegen, dass schul- und peerbezogene Faktoren überbewertet werden könnten. Die Ergebnisse rücken die Effekte der Interviewsituation bei schriftlichen Befragungen in den Vordergrund. Möglicherweise können computergestütze Befragungstechniken wie Audio-CASI (computer-assisted self-interviewing) solche Effekte in Klassenbefragungen reduzieren.

Veröffentlichungen

Köllisch, T. (2002). Wie ehrlich berichten Jugendliche über ihr delinquentes Verhalten? - Ergebnisse einer externen Validierung selbstberichteter Delinquenz (Arbeitsberichte aus dem Projekt "Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext" / Nr. 7).

Köllisch, T. und D. Oberwittler (2004). Wie ehrlich berichten männliche Jugendliche über ihr delinquentes Verhalten? Ergebnisse einer externen Validierung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56(4): 709-736.

Naplava, T. und D. Oberwittler (2002). Methodeneffekte bei der Messung selbstberichteter Delinquenz von männlichen Jugendlichen - Ein Vergleich zwischen schriftlicher Befragung in der Schule und mündlicher Befragung im Haushalt. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 85(6): 401-423.

Oberwittler, D. und T. Naplava (2002). Auswirkungen des Erhebungsverfahrens bei Jugendbefragungen zu heiklen Themen - schulbasierte schriftliche Befragung und haushaltsbasierte mündliche Befragung im Vergleich. ZUMA-Nachrichten(51): 49-77.

Oberwittler, D., Köllisch, T. und M. Würger (2002). Selbstberichtete Delinquenz bei Jugendlichen. A. Glöckner-Rist, ZUMA-Informationssystem. Elektronisches Handbuch sozialwissenschaftlicher Erhebungsinstrumente Mannheim: Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen.

  • Geändert am: 01.12.2015
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