Migration und Delinquenz

Jugendliche mit Migrationshintergrund gelten seit langem als besondere „Problemgruppe“ in der öffentlichen Wahrnehmung von Jugendkriminalität und werden daher in der kriminologischen Forschung häufig mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtet. Auch in dem Projekt „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext“ befasste sich eine Teilstudie mit der detaillierten Untersuchung den sozialen Lebenslagen und der Delinquenz von Jugendlichen unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Die Stichprobengröße der „MPI-Schulbefragung 1999/2000“ mit mehr als 1500 Schülerinnen und Schülern nicht-deutscher Herkunft ermöglichten diese detaillierten Analysen zum interethnischen Vergleich. Dafür wurden deutsche, osteuropäische, türkische und Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien, Albanien und Kosovo zu Vergleichsgruppen zusammengefasst.

Empirische Arbeiten zu dem Zusammenhang zwischen Ethnie und Kriminalität bestehen häufig allgemein darin, die Eigenschaft der Ethnie neben weiteren Variablen mit Kriminalität in Beziehung zu setzen und zu prüfen, ob sich unter Kontrolle der anderen Eigenschaften die Differenz zwischen den ethnischen Gruppen aufhebt. Diesem Vorgehen liegt häufig die Annahme zugrunde, dass eine höhere Kriminalitätsbelastung von Ausländern auf den benachteiligten sozioökonomischen Status dieser Bevölkerungsgruppen zurückzuführen ist, so dass sich unter Kontrolle entsprechender Variablen die Differenz aufhebt. Ethnische Gruppen unterscheiden sich aber nicht nur in sozialstrukturellen Merkmalen, sondern auch in weiteren Lebensbereichen wie Einstellungen, Zukunftsorientierungen, sozialen Netzwerken und kulturellen Mustern. Die Komplexität der Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen wird durch das nominale Merkmal der Ethnie nicht ausreichend abgebildet. Um den vielfältigen Unterschieden ethnischer Gruppen und den sich möglicherweise daraus ergebenden Konsequenzen für die Ursachenzusammenhänge abweichenden Verhaltens Rechnung zu tragen, sind Gruppenvergleiche zwischen verschiedenen Ethnien erforderlich. Diese bieten die Möglichkeit, die Verallgemeinerung theoretischer Erklärungen über ethnische Gruppen hinweg zu prüfen und auch spezielle Erklärungsmodelle für ethnische Minderheiten zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund sind bei der Erklärung von Delinquenz ausländischer Jugendlicher den Wechselwirkungen zwischen der Situation im Herkunftsland, dem Migrationsprozess sowie den Lebensumständen im Gastland Rechnung zu tragen. Die Prüfung der Erklärungsgüte von Theorien abweichenden Verhaltens innerhalb ethnischer Gruppen stellt einen Ansatz dar, das Zusammenspiel verschiedener Ursachenfaktoren zu berücksichtigen und auf diese Weise auch Grundlagen für präventive Maßnahmen zu entwickeln. Neben der individuellen Prüfung von Annahmen aus der sozialen Kontrolltheorie, der Anomie- bzw. Strain-Theorie und der Theorie Differentieller Assoziationen wurde auch ein integriertes Modell zur Erklärung abweichenden Verhaltens zwischen ethnischen Gruppen entwickelt.

Vergleich der Häufigkeit selbstberichteter Delinquenz

Beim deskriptiven Vergleich der Häufigkeit selbstberichteter Delinquenz nach ethnischer Herkunft zeigt sich, dass die Prävalenz unter Jugendlichen, deren Eltern aus Polen und Rumänien eingewandert sind, bei einfachen Delikten und beim Drogenkonsum höher liegt als die der anderen Jugendlichen (siehe Abb.1). Jugendliche mit einem Migrationshintergrund der GUS-Staaten (Russland, ehemalige Sowjetunion) berichten nur etwas mehr schwere Delikte als einheimisch deutsche Jugendliche. Hierbei besteht eine Diskrepanz zur offiziellen, polizeilich registrierten Kriminalität, die für diese Gruppe deutlich höher ausfällt und die möglicherweise auf ein höheres Registrierungsrisiko oder auch auf ein unterschiedliches Antwortverhalten der Jugendlichen aus den GUS-Staaten zurückzuführen ist. Der Anteil an delinquenten Jugendlichen bei einfachen Delikten unter den Jugendlichen aus südeuropäischen Ländern liegt etwas, aber nicht signifikant niedriger als bei den anderen Gruppen. Dagegen weist die Gruppe mit Migrationshintergrund Türkei und ehem. Jugoslawien die höchste Prävalenz bei den schweren Delikten auf.

Abb. 1

Abb. 1: Jugendliche mit Migrationshintergrund zeigen bei selbstberichteter Delinquenz überwiegend ähnliche Muster wie einheimisch deutsche Jugendliche. Signifikante Höherbelastungen bestehen bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund Polen/Rumänien für einfache Delikte und Drogenkonsum und bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund Türkei/ehem. Jugoslawien für schwere Delikte (Werte aus Naplava 2005).

Multivariate Erklärungen der Delinquenz auf der Basis anomie-, kontroll- und lerntheoretischer Annahmen

Multivariate Analysen zeigen, dass die sozialen Bedingungen und Korrelate des delinquenten Verhaltens im interethnischen Vergleich recht ähnlich sind. Lerntheoretische und kontrolltheoretische Variablen stehen in engerem und unmittelbarerem Zusammenhang mit delinquentem Verhalten als sozialstrukturelle Merkmale. Bei diesen direkten, proximalen Einflussfaktoren trifft die Generalisierbarkeit kriminologischer Theorieansätze über ethnische Gruppen hinweg am ehesten zu. Bei Jugendlichen aus einheimischen und Gastarbeiterfamilien, nicht jedoch bei Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien ist die Bedeutung anomietheoretischer Variablen höher, wenn man die Perspektive von einfacher zu schwerer Delinquenz wechselt. Die Bedeutung der indirekten, distalen Einflüsse auf Delinquenz unterscheiden sich zwischen den ethnischen Gruppen insgesamt stärker.

Tab. 1

Tab. 1: Wenn sozialstrukturelle Benachteiligungen kontrolliert werden, reduziert sich die höhere Neigung zu schweren Delikten von Jugendlichen aus Gastarbeiterfamilien gegenüber einheimischen Jugendlichen um ca. zwei Drittel.

Die Analysen zeigten auch, dass strukturelle Benachteiligungen (Arbeitslosigkeit/Sozialhilfe, besuchte Schulform, relative Deprivation) ca. zwei Drittel der höheren Belastung von Jugendlichen aus Gastarbeiterfamilien mit schwerer Delinquenz erklären können (Tabelle 1).

Veröffentlichungen

Ergebnisse der MPI-Schulbefragung 1999/2000

Naplava, T. (2005). Jugenddelinquenz im interethnischen Vergleich. Erklärungsmöglichkeiten delinquenten Verhaltens einheimischer und immigrierter Jugendlicher. Bielefeld, Bielefelder Server für Online-Publikationen BieSOn, 191 S., Zusätzl.: Dissertation an der Universität Bielefeld.

Naplava, T. (2002). Delinquenz bei einheimischen und immigrierten Jugendlichen im Vergleich. Sekundäranalyse von Schülerbefragungen der Jahre 1995-2000 (Arbeitsbericht aus dem Projekt "Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext" / Nr. 5).

Naplava, T. (2003). Selbst berichtete Delinquenz einheimischer und immigrierter Jugendlicher im Vergleich – Eine Sekundäranalyse von Schulbefragungen der Jahre 1995-2000. Soziale Probleme 14(1), 67-96.

Oberwittler, D. (2003): Geschlecht, Ethnizität und sozialräumliche Benachteiligung - überraschende Interaktionen bei sozialen Bedingungsfaktoren von Gewalt und schwerer Eigentumsdelinquenz von Jugendlichen. In: Lamnek, S. & M. Boatca,(Hg.), Geschlecht - Gewalt - Gesellschaft (Otto-von-Freising Tagungen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Bd. 4), Opladen: Leske + Budrich, 269-294.

Oberwittler, D. (2007). The effects of neighbourhood poverty on adolescent problem behaviour – a multi-level analysis differentiated by gender and ethnicity. Housing Studies 22(5), 781-803.

Reprinted in: Blasius, J./Friedrichs, J. & G. Galster (Hg.) (2008), Quantifying Neighbourhood Effects. Frontiers and perspectives. London: Routledge, 152-174.

Oberwittler, D. (2007). The effects of ethnic and social segregation on children and adolescents: recent research and results from a German multilevel study (Discussion Paper Nr SP IV 2007-603). Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration.
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Weitere Veröffentlichungen

Albrecht, H.-J. (1997). Ethnic Minorities, Crime and Criminal Justice in Germany. In: Tonry, M. (Hg.), Ethnicity, Crime and Immigration. Comparative and Cross-National Perspectives (Crime and Justice. A Review of Research / 21), Chicago: University of Chicago Press, 33-91.

Albrecht, H.-J. (2002). Immigration, Crime and Unsafety. In: Crawford, A. (Hg.), Crime and Insecurity. The Governance of Safety in Europe. Cullompton: Willan, 159-185.

Albrecht, H.-J. (2007). Legitimacy and Criminal Justice: Inequality and Discrimination in the German Criminal Justice System. In: Tyler, T. (Hg.), Legitimacy and Criminal Justice. New York: Russell Sage Foundation, 302-331.

Naplava, T. (2011). Jugenddelinquenz und Migration aus kriminalsoziologischer Perspektive. In: In: Boeger, A. (Hg.), Jugendliche Intensivtäter. Interdisziplinäre Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 203-226.

Oberwittler, D. & Lukas, T. (2010). Schichtbezogene und ethnisierende Diskriminierung im Prozess der strafrechtlichen Sozialkontrolle. In: Scherr, A. & U. Hormel (Hg.), Diskriminierung: Grundlagen und Forschungsergebnisse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 221-254.

  • Geändert am: 01.12.2015
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