Vom Dunkel- ins Hellfeld

Nur ein kleiner Teil der potenziell strafbaren Handlungen Jugendlicher wird offiziell registriert und gelangt damit vom Dunkel- ins Hellfeld. Über diese seit den ersten Selbstberichts-Studien bekannte Tatsache hinaus gab es in Deutschland jedoch nur wenige empirische Erkenntnisse über die Mechanismen und selektiven Wirkungen des Anzeige- und Registrierungsverhaltens bei Jugenddelinquenz. Darüber, ob – wie vielfach angenommen wird und wie die Diskrepanzen zwischen Dunkelfeldbefragungen und Kriminalstatistik nahelegen – die polizeiliche Registrierung von Jugendlichen mit einer sozialen oder ethnischen Diskriminierung einhergeht, war bislang recht wenig bekannt. Daher widmete sich eine Teilstudie der MPI-Schulbefragung 1999/2000 der polizeilichen Registrierung und dem Anzeigeverhalten aus Täter- und Opferperspektive.

Zunächst bestätigen die Ergebnisse der MPI-Schulbefragung 1999/2000, dass nur eine kleine Minderheit von potenziell strafbaren Handlungen Jugendlicher offiziell bekannt wird. Nur 17% der Gewaltdelikte, über die Jugendliche aus der Opferperspektive berichteten, werden von diesen oder ihren Eltern angezeigt. Aus der Täterperspektive berichteten 14% der Jugendlichen, die im letzten Jahr ein oder mehrere Gewaltdelikte begangen haben, über Polizeikontakte infolge dieser Taten. Bei Ladendiebstahl liegt die Registrierungsrate mit ca. 24% wesentlich höher. Mit höherer Inzidenz (Tathäufigkeit) steigt das Registrierungsrisiko bei den meisten Delikten allerdings stark an. Man kann daher annehmen, dass die kleine Gruppe von delinquenten Jugendlichen, die sehr viele Gewalt- und schwere Eigentumsdelikte begehen, weitgehend polizeibekannt ist.

Tab. 1

Tab. 1: Das polizeiliche Registrierungsrisiko von jugendlichen Delinquenten nach Delikt und sozialem Status der Eltern. Eine erhebliche soziale Selektion ist bei Ladendiebstahl und Körperverletzung, nicht jedoch bei Drogendelikten festzustellen. Je höher der Sozialstatus der Eltern, desto seltener berichten Jugendliche über einen Polizeikontakt wegen eines Delikts.

Während die polizeiliche Registrierung von Gewaltdelikten und vielen Eigentumsdelikten wie Wohnungseinbruch, Autoaufbruch etc. maßgeblich von der Anzeigeneigung der privaten Opfer bestimmt wird, handelt es sich bei Drogendelikten um ein so genanntes Kontrolldelikt, dessen Entdeckung von pro-aktivem Polizeihandeln abhängig ist. Über die polizeiliche Registrierung eines Ladendiebstahls wiederum entscheiden semi-formelle Akteure – das Verkaufspersonal oder Ladendetektive.

Bei Ladendiebstahl bestätigte sich die Hypothese einer sozialen und ethnischen Diskriminierung sehr deutlich (siehe auch Tabelle 1): 34,5% der Jugendlichen mit türkischem oder ex-jugoslawischem Migrationshintergrund gegenüber 19% der einheimisch-deutschen Jugendlichen, die wenigstens einen Ladendiebstahl begangen hatten, berichteten über einen Polizeikontakt. Für Haupt- und Sonderschüler lag das Anzeigerisiko bei 34%, für Gymnasiasten nur bei 17%. In multivariaten Analysen unter Kontrolle von Alter, Geschlecht, der Häufigkeit der Ladendiebstähle und der Zugehörigkeit zu einer delinquenten Freundesgruppe behielten sowohl der Migrationsstatus als auch ein niedriger Sozialstatus der Eltern einen signifikant steigernden Einfluss auf das Anzeigerisiko. Offenbar ist die selektive Aufmerksamkeit des Verkaufspersonals und der Ladendetektive von Stereotypen geprägt, die primär auf die äußere Erscheinung von Jugendlichen fixiert sind und dadurch ethnisch und sozial diskriminierend wirken. Demgegenüber ergaben sich bei Drogendelikten und Einbruchsdiebstahl keine Hinweise auf eine Selektivität des Entdeckungsrisikos.

Ob Gewalthandlungen von Jugendlichen im Dunkelfeld verbleiben oder ins polizeiliche Hellfeld gelangen, ist das Ergebnis einer komplexen Interaktion zwischen den Konfliktbeteiligten (und ihren Familien). Hier besteht zudem – anders als bei einem Ladendiebstahl oder einem Autoaufbruch – ein wesentlich höherer Spielraum, eine Gewalthandlung als Rauferei unter Jugendlichen oder als strafbares Delikt zu definieren. Die Analyse der unterschiedlichen informellen und formellen Bewältigungsformen von Gewalterlebnissen zeigte, dass eine polizeiliche Anzeige dann wahrscheinlicher ist, wenn das soziale Kapital zwischen den Konfliktbeteiligten als eine gemeinsame Ressource für informelle Konfliktlösungen zu gering ist. Dieses soziale Kapital ist zwischen Bekannten, Schülern der gleichen Schule, Bewohnern kleinerer Gemeinden und Angehörigen der gleichen Ethnie größer als zwischen Unbekannten, Großstadtbewohnern und Angehörigen verschiedener Ethnien (Tabelle 2). In einem multivariaten Modell erklären neben der Deliktschwere und der Bekanntheit der Konfliktgegner vor allem die gemischt-ethnische Konfliktkonstellation die Anzeigewahrscheinlichkeit, nicht jedoch der Migrationshintergrund des Täters alleine. Nicht-deutsche Jugendliche werden nicht häufiger polizeilich registriert, weil die deutsche Mehrheitsbevölkerung durch ein selektives Anzeigenverhalten ihre Dominanz gegen eine als bedrohlich wahrgenommene Minderheit aufrechterhalten will, sondern weil diese Minderheit durch einen Mangel an verwertbarem Sozialkapital strukturell benachteiligt ist. Da die heteroethnischen Konfliktsituationen durch die starke Zunahme der Bevölkerung mit Migrationshintergrund wahrscheinlich häufiger geworden sind, kann diese strukturelle Benachteiligung auch als eine plausible Erklärung (neben anderen) für die immer stärker werdende Aufhellung des Dunkelfeldes bei Jugendgewalt gelten.

Tab. 2

Tab. 2: Das Konfliktlösungsverhalten aus der Opferperspektive bei Gewaltdelikten hängt stark von der ethnischen Konstellation der Beteiligten ab. Wenn Täter und Opfer derselben Ethnie angehören, ist eine Anzeige wesentlich unwahrscheinlicher und eine informelle Einigung wesentlich wahrscheinlicher, als wenn beide unterschiedlichen Ethnien angehören. Außerdem werden Gewaltdelikte von den Opfern als schwerer empfunden, wenn die Täter einer anderen Ethnie angehören.

Veröffentlichungen

Köllisch, T. (2004). Vom Dunkelfeld ins Hellfeld. Anzeigeverhalten und Polizeikontakte bei Jugenddelinquenz. Freiburg: Universitätsbibliothek Freiburg: Freiburger Dokumentenserver (URL: http://freidok.ub.uni-freiburg.de/volltexte/1686/).

Köllisch, T. (2007). Risikomanagement und selektive Punitivität als Kriminalpolitik von unten: Zum Zeitverlauf des Hell-Dunkelfeldverhältnisses der Jugendgewalt in Deutschland zwischen 1986 und 2003. Kriminologisches Journal 39(4), 243-259.

Köllisch, T. (2008). Vom Dunkelfeld ins Hellfeld: Determinanten der Kriminalisierung jugendlicher Ladendiebe. S. In: T. Görgen, K. Hoffmann-Holland, H. Schneider und J. Stock (Hg.), Interdisziplinäre Kriminologie. Festschrift für Arthur Kreuzer zum 70. Geburtstag (Bd. 1) Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft, 353-373.

Köllisch, T. (2009). Vom Dunkelfeld ins Hellfeld: Zur Theorie und Empirie selektiver Kriminalisierung Jugendlicher bei Körperverletzungsdelikten. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 92(1): 28-53.

Köllisch, T. und D. Oberwittler (2004). Sozialer Wandel des Risikomanagements bei Kindern und Jugendlichen. Eine Replikationsstudie zur langfristigen Zunahme des Anzeigeverhaltens. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 24(1): 49-72.

Oberwittler, D. und T. Köllisch (2004). Nicht die Jugendgewalt, sondern deren polizeiliche Registrierung hat zugenommen. Ergebnisse einer Vergleichsstudie nach 25 Jahren. Neue Kriminalpolitik 16(4): 81-120.

  • Geändert am: 01.12.2015
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